Der Profilzylinder – eine krisenresistente Erfindung

Eine bekannte Redensart sagt: „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“. Und so gestaltete sich auch die Entwicklung der Zeiss Ikon AG.

Lange Zeit fokussierte sie sich auf das Kamerageschäft und sah die Schlossproduktion eher als Zubrot. Dabei hatte Zeiss mit der Übernahme von Goerz und dessen Tochtergesellschaft AG Hahn einen lange unterschätzten Erfolgsgarant erworben: Den Profilzylinder. Am 25. Oktober 1928 erhielt die neue Zeiss Ikon AG das Patent für die Idee – obwohl sie von Hahn Ingenieuren stammte. Der Profilzylinder entwickelte sich fortan zum Standard in der Baubranche. Ganze Schließanlagen für zahlreiche Regierungs- und Unternehmensbauten deutschlandweit wurden damit realisiert. Folgeaufträge waren somit garantiert. Zudem sorgte die Sehnsucht nach Sicherheit besonders in Krisenzeiten immer wieder für neue Kunden.

Weltwirtschaftskrise – Sicherheit geht vor

Sowohl die Folgeaufträge als auch das hohe Sicherheitsbedürfnis halfen Zeiss Ikon über zahlreiche schwierige Zeiten hinweg – begonnen mit der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre. Am 24. Oktober 1929 kollabierte die New Yorker Börse. Als Folge reduzierten sich US-amerikanische Auslandsinvestitionen und Kreditmittel. Vor allem die deutsche Wirtschaft der Weimarer Republik war von diesem Kapital abhängig und somit unmittelbar betroffen. Geldknappheit bewirkte Produktionsrückgänge. Auch die Zeiss Ikon AG spürte die verhaltene Nachfrage – mit Ausnahme der Schlossabteilung in den Berliner Goerzwerken: Sie konnte ihre Umsätze während der Krisenzeit nahezu konstant halten. Das Bedürfnis nach Sicherheit war damals größer als die Bereitschaft, in Luxuskonsumgüter, wie sie die Kamera- und Kinosparte produzierte, zu investieren. Schlossentwicklung und -herstellung – allen voran der Profilzylinder – etablierten sich zu einem festen Standbein der Zeiss Ikon AG. 1932/33 wurde schließlich das Hahn-Warenzeichen auf den Schlossfabrikaten durch das Zeiss-Ikon-Logo ersetzt.

Weiterentwicklung des Profilzylinders

Die Ingenieure im Berliner Goerzwerk trieben unterdessen die Verbesserung des Profilzylinders voran. Sie entwickelten Abtasthindernisse beziehungsweise –fallen, die das Aufbrechen des Zylinderschlosses zusätzlich erschwerten. 1933 wurden gleich zwei wichtige Schutzrechte zur Erhöhung der Sperrsicherheit angemeldet: Das Patent DE628600 – Zylinderschloss mit Zuhaltungsstiften – und das Patent DE612893 – Stiftzylinderschloss mit Abtasthindernissen in der Zuhaltungsführung. Die Weiterentwicklung des Profilzylinders war notwendig, da sich die Schlosshersteller in den 1930er Jahren im stetigen Wettlauf mit professionell agierenden Einbrechern befanden. Dabei gelang es Zeiss Ikon, sich mit seinen Schlössern auf dem deutschen Markt für Sicherheitstechnik erfolgreich gegen die Konkurrenz durchzusetzen.

Reges Bautreiben vor dem Zweiten Weltkrieg füllt Auftragsbücher

Eine wichtige Rolle für den Aufschwung der Zeiss-Ikon-Schlösser vor dem Zweiten Weltkrieg spielte die hohe Nachfrage durch den Staat. Viele Regierungsbauten wurden neu errichtet und bei der Auftragsvergabe war die Nähe der Goerzwerke zu den Ministerien von Vorteil. So bekam Zeiss Ikon viele Großaufträge und profilierte sich als Spezialist für den Bau komplexer Schließanlagen, wie sie in Behörden gefordert waren. Doch die Nachfrage beschränkte sich nicht nur auf Berlin, aus ganz Deutschland wurden Zeiss Ikon Schließanlagen mit Profilzylindern geordert.

Die zahlreichen Aufträge hatten nachhaltige Auswirkung auf die Bedeutung von Profilzylinder und Co innerhalb Zeiss Ikons. Nachdem 1937 das zehnjährige Bestehen der Schlossproduktion im Berliner Goerzwerk gefeiert werden konnte, war sie Ende 1938 erstmals die umsatzstärkste Zivilgüter-Sparte des Unternehmens.

Zugleich hatte Zeiss Ikon die militärischen Kapazitäten der Berliner Werke reaktiviert, die noch aus der Goerz-Zeit vorhanden waren. Fortan entwickelte sich das Unternehmen überwiegend zu einem Rüstungskonzern: Im Geschäftsjahr 1941/42 machten die Zivilgüter nur noch ein Drittel, die Rüstungsgüter hingegen zwei Drittel der Produktion aus. Das Ende des Zweiten Weltkrieges, als keine militärischen Instrumente mehr benötigt wurden und Bomben die Berliner Produktionshallen zerstörten, traf Zeiss Ikon deshalb besonders hart.  

Wie der Profilzylinder auch diese Krise überlebte und als Zugpferd des Unternehmens Zeiss Ikon über weitere Hürden half, lesen Sie im nächsten Newsletter.